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Hans Georgi und Meinolf Bauschulte präsentierten einen unterhaltsamen Kästner-Abend

Von hinten ins Gesicht gesehen

 

Hans Georgi, Leierkasten
Hans Georgi, musikalisch unterstützt von Meinolf Bauschulte, verstand es meisterhaft, Inhalt und Stimmung der Kästnerschen Gedichte kabarettistisch in Szene zu setzen.

HOMBERG. Sie haben wenig mit Mondschein und Träumereien zu tun. Die Gedichte Erich Kästners sind gebrauchsfähig. Alltagstauglich - bis in die Gegenwart. Er dichtete er nicht am Leben vorbei, sondern schrieb das nieder, was ihn bedrückte. Schnörkellos direkt, kurz und prägnant. Zuweilen sentimental und melancholisch, zumeist jedoch voller bissiger Ironie und mit einer fast schon bösartig anmutenden Satire - immer jedoch mit einer gehörigen Portion (Galgen-) Humor gewürzt. Mit seinen Gedichten zeigt der durch seine Kinderbuch-Klassiker bekannt gewordene Autor eine ganz andere Seite seines literarischen Schaffens. Die brachte kürzlich Kabarettist Hans Georgi auf Einladung des Homberger Kulturrings einem interessierten Publikum in der Kreisstadt nahe. In der anheimelnden Wohnzimmeratmosphäre des "Spektrum" am Marktplatz präsentierte er - musikalisch unterstützt von Meinolf Bauschulte - einen Querschnitt selbst vertonter Kästnerscher Gedichte. Mal im Plauderton, mal als Sprechgesang, mal musikalisch-klassisch, schnulzig und populär skizzierte er dessen Leben und Werk. Den Stoff lieferten Kästners Gedichte, in denen sich die gesellschaftspolitischen Geschehnisse der niedergehenden Weimarer Republik und des aufkommenden Nationalsozialismus widerspiegelten: Mal kämpferisch, mal resignierend entlarvte der Autor die Lügen und Attrappen von Politik und Macht. Er beschrieb Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Verelendung, kritisierte Untertanengeist, Militarismus und Kriegswahn, sezierte Einsamkeit, Gefühlsarmut und gescheiterte Beziehungen - nicht zuletzt seine eigenen. Wie viele Inhalte der 20erJahre-Lyrik Kästners auch heute noch - erschreckend - aktuell sind, das verdeutlichte Hans Georgi durch seine gezielte Auswahl: Die im Alltag abhanden gekommenen Gefühle im Gedicht "Sachliche Romanze" gehörten dazu ebenso wie das Thema Geburtenschwund im "Patriotischen Bettgespräch". Die heutige Gentechnik sah Kästner im Gedicht "Der synthetische Mensch" voraus: Fix und fertig auf Bestellung geliefert, mit Bärtchen, Busen und Bildung - Entwicklung ausgeschlossen. Ein übertragbares Stimmungsbild liefert auch das Gedicht "Das Riesenspielzeug" zum Thema Jugendarbeitslosigkeit: "Wir waren fleißig und gelehrig. Und ihr? Ihr schickt uns, minderjährig, fürs ganze Leben in Pension." Zeitzeuge Kästner beobachtete genau, zielte scharf - und traf oft. Hans Georgi und Meinolf Bauschulte als dessen einfühlsame Gegenwarts-Sprachrohre verstanden dies meisterhaft zu vermitteln. Das Publikum antwortete mit lang anhaltendem Applaus und der Erkenntnis: So ist es. Genau so.

Sigrid Ehl-von Unwerth

Für Künstler und Verein ist es schade, dass diese erstklassige Veranstaltung von nur 36 Zuschauern besucht wurde. Hans Georgi glänzte durch Perfektion im Vortrag und Zusammenspiel mit modernster Technik. Wir Zuschauer wurden immer wieder durch originelle Einfälle (z.B. ein Telefonat mit Kästner oder mit der Auskunft der T-Com) überrascht. Dieses Progamm kann ich allen weiter empfehlen, die Kabarett lieben.

Ch. Beutelhoff

Hans Georgi, Meinolf Bauschulte
Mal ernst, mal humorvoll: Hans Georgi (links) und Meinolf Bauschulte gastierten mit literarisch-musikalischem Kabarett zu Gedichten Erich Kästners in Homberg.
Erich Kästner
1899 in Dresden geboren, zog Kästner als junger Soldat den Ersten Weltkrieg. 1920 bis 1925: folgte das Studium der Germanistik, Philosophie, Geschichte und Theatergeschichte in Leipzig, Rostock und Berlin. Ab 1927 arbeitet Kästner in Berlin als Journalist, Theaterkritiker, Redakteur, Drehbuchautor und Schriftsteller. 1933 fielen seine Werke der nationalsozialistischen Bücherverbrennung zum Opfer, ab 1942 erhielt er absolutes Publikationsverbot. Nach dem Krieg arbeitete er in München als Kinderbuchautor und Mitarbeiter diverser Kabarett-Ensembles. Am 29. Juli 1974 starb der Träger des Bundesverdienstkreuzes in der bayerischen Landeshauptstadt.

Sigrid Ehl-von Unwerth

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